Autismus

Kommunikationskarten selbst machen – DIY für emotionale Selbstregulation

Du baust Kommunikationskarten für Emotionen, Bedürfnisse und schwierige Momente. Drei Varianten unter 5 € – für dich selbst oder dein Kind.

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Einleitung

Mit selbstgemachten Kommunikationskarten baust du dir ein robustes Set, das in Momenten hilft, in denen Sprache schwerfällt — bei Reizüberflutung, in Krisen oder nach langen Tagen. Drei Varianten unter 5 Euro: 15-Minuten-Sofort-Set, Foto-Karten für deinen Alltag oder eine Familien-Box. Material aus Schreibwaren- und Drogeriemarkt. Heute Nachmittag gebaut, heute Abend nutzbar — kein Warten auf Lieferung, keine Therapie-Verschreibung.

Kosten

unter 5 €

Für wen

Für Erwachsene auf dem Autismus-Spektrum und für Eltern autistischer Kinder. Hilfreich, wenn Sprache in bestimmten Momenten schwerfällt – bei Reizüberflutung, in Krisen, in selektiv mutistischen Phasen oder einfach, wenn der Tag zu voll war.

Werkzeug & Material

  • Karton oder fester Tonkarton (A4, weiß oder gedeckte Farben)
    • 2–3 Bögen
    • Aus dem Schreibwarengeschäft – oder leere Müsli-/Schuhkartons recyceln.
  • Selbstklebende Laminierfolie
    • 1 Bogen A4
    • Drogeriemarkt, ca. 2 €. Laminiergerät optional, geht auch ohne.
  • Klett-Punkte oder Schlüsselring
    • 10 Stück oder 1 Ring
    • Beides für unter 2 € im Bastel- oder Baumarkt.
  • Stift oder Drucker
    • vorhanden
    • Handgezeichnet wirkt oft persönlicher als gedruckte Symbole.
  • Schere und Locher
    • vorhanden
  • Optional: eigene Fotos oder ausgedruckte Symbole
    • 8–15 Stück
    • Fotos vom Alltag funktionieren oft besser als generische Piktogramme.

Sicherheit & Vorbereitung

Karten sind ein Angebot, kein Test: Niemand muss eine Karte zeigen, um etwas zu bekommen. „Du musst die Karte zeigen“ macht das Werkzeug zur Pflichtaufgabe — und damit nutzlos im Moment der Not.

Mit Vorbild statt Aufforderung einführen: Zieh selbst sichtbar eine Karte, wenn du eine brauchst („Ich nehme jetzt die Stille-Karte für 10 Minuten“). Vorbild wirkt mehr als „nimm doch deine Karten“.

In ruhigen Momenten üben, nicht im Stress: Geh das Set einmal entspannt mit deinem Kind oder dir selbst durch, bevor es ernsthaft genutzt wird. Routinen brauchen Wiederholung, gerade wenn sie unter Druck greifen sollen.

Sensorisch denken: Manche Menschen reagieren empfindlich auf das Geräusch von Folie — dann unlaminiert lassen und häufiger ersetzen. Gedeckte Farben statt Glitzer oder Glanzfolien.

Schritt für Schritt

  1. Karten-Themen festlegen

    Schreib dir 8–12 Dinge auf, die du oder dein Kind in schwierigen Momenten ausdrücken wollt. Mische drei Kategorien: Gefühle (müde, überreizt, traurig), Bedürfnisse (Pause, Wasser, allein sein) und Antworten (Ja, Nein, später). Weniger ist mehr – du kannst jederzeit ergänzen.

  2. Karten zuschneiden

    Schneide aus dem Karton 8–12 Karten in einheitlicher Größe – ca. 6 × 8 cm passt in fast jede Hosentasche. Saubere Kanten beruhigen das Auge.

  3. Symbol und Wort kombinieren

    Pro Karte ein klares Symbol oder Foto plus ein kurzes Wort. Zeichne, drucke oder klebe – wichtig ist, dass das Bild für die nutzende Person sofort lesbar ist. Bei kleinen Kindern: lieber Foto vom echten Lieblingsplatz als generisches Sofa-Symbol.

  4. Laminieren oder mit Folie überziehen

    Klebe die Karten zwischen zwei Streifen selbstklebender Folie und schneide knapp am Rand. Das schützt vor feuchten Händen, Rucksack-Knicken und schnellen Krisengriffen.

  5. Sortier-System wählen

    Drei Möglichkeiten: Klett-Punkte auf eine A5-Pappe für ein tragbares Board, ein Schlüsselring durch einen Locher für die Hosentasche, oder eine kleine Box für zu Hause. Wähle, was zu deinem Alltag passt – nicht, was am hübschesten aussieht.

  6. An einem festen Ort aufbewahren

    Lege die Karten dorthin, wo sie im Moment der Not gebraucht werden – Nachttisch, Schreibtisch, Tasche, Eingangsbereich. Ein Set, das du suchen musst, hilft nicht.

  7. Einmal in Ruhe durchgehen

    Bevor du die Karten ernsthaft nutzt: Geh sie einmal in einem entspannten Moment durch. Bei Kindern als kleines Spiel, bei dir selbst als Inventur. So wird der Griff später leichter.

Häufige Fehler und wie du sie vermeidest

  • Zu viele Karten auf einmal — mehr als 12 wird unübersichtlich, gerade wenn die Karten gebraucht werden, weil schon viel zu viel ist. Starte mit 8–12.
  • Karten am falschen Ort — im Krisenmoment hat niemand Lust zu suchen. Karten gehören an den Ort, an dem sie genutzt werden — Nachttisch, Schreibtisch, Tasche.
  • Karten nur einmal erklären — das System braucht Wiederholung. Übe es in ruhigen Momenten, bevor du es im Stress erwartest.
  • Erwachsene Karten für ein Kind designen — Symbole, die für dich logisch sind, müssen es für dein Kind nicht sein. Im Zweifel fragen oder gemeinsam gestalten.
  • Druck aufbauen — die Karten sind ein Angebot. „Du musst die Karte zeigen“ macht aus dem Werkzeug eine Pflichtaufgabe und damit nutzlos.
  • Therapie-Vokabular im Familienalltag — nenn die Karten einfach „die Karten“. „PECS“ oder „AAC“ macht das Werkzeug fremder, als es sein muss.

Häufige Fragen

Funktionieren Kommunikationskarten auch für Erwachsene?

Ja. Viele autistische Erwachsene nutzen Karten in Phasen, in denen Sprache anstrengend ist – nach langen Tagen, bei Reizüberflutung oder in Konflikten. Du musst nicht ‚nonverbal‘ sein, um sie zu brauchen.

Was ist der Unterschied zu PECS oder gekauften Kartensätzen?

PECS ist ein strukturiertes Trainingsprogramm aus dem Therapiekontext, oft mit standardisierten Symbolen. Deine DIY-Karten haben kein Programm im Rücken – dafür zeigen sie genau die Worte, Bilder und Situationen, die in deinem Alltag wirklich vorkommen.

Mein Kind benutzt die Karten nicht. Was tun?

Reduziere zuerst die Anzahl auf 4–5 Karten. Zeig die Karten selbst aktiv: zieh die ‚Pause‘-Karte, wenn du eine brauchst. Vorbild wirkt mehr als Aufforderung. Und gib es Zeit – Routinen brauchen Wiederholung, gerade wenn sie unter Stress greifen sollen.

Was kommt auf die Karten – nur Gefühle?

Nein. Eine gute Mischung enthält Gefühle (überreizt, traurig, glücklich), Bedürfnisse (Pause, Essen, Stille), Tätigkeiten (lesen, schaukeln, Musik) und klare Antworten (Ja, Nein, weiß ich noch nicht). Das macht die Karten alltagstauglich, nicht nur krisentauglich.

Wie viele Karten sind sinnvoll?

Starte mit 8–12. Mehr wird unübersichtlich, gerade in Momenten mit wenig Kapazität. Wenn du merkst, dass bestimmte Karten nie genutzt werden, sortier sie aus.

Worum es geht

Worte kommen manchmal nicht. Du weißt genau, was du brauchst – aber der Mund macht nicht mit. Oder dein Kind steht überreizt im Flur und du siehst, dass es etwas sagen will, aber die Sprache ist gerade weg. Kommunikationskarten überbrücken genau diese Momente: kleine, robuste Karten mit Bild und Wort, die du ohne Sprache zeigen kannst.

Dieser Artikel zeigt dir, wie du dein eigenes Set baust – in 15 Minuten als Sofort-Lösung oder als individuell gestaltetes Box-Set für die ganze Familie. Material aus Schreibwaren- und Drogeriemarkt, Kosten unter 5 €.

Für wen die Karten gedacht sind

Kommunikationskarten helfen Menschen, deren Sprache situationsabhängig schwerfällt. Das betrifft viele autistische Kinder und Erwachsene, aber auch Menschen mit selektivem Mutismus, in akuten Reizüberflutungs-Phasen, nach Erschöpfungs-Crashes oder in Konflikten, in denen das eigene Denken zu schnell für die Stimmbänder ist.

Du musst dafür nichts diagnostiziert haben. Wenn du das Gefühl kennst, dass du etwas weißt, aber gerade nicht sagen kannst – die Karten sind für dich.

Warum DIY statt fertig kaufen

Fertige Kartensätze gibt es. Sie kosten zwischen 30 und 80 €, kommen aus dem Therapie-Kontext und tragen oft Begriffe wie „PECS-Karten“ oder „AAC-Material“. Sie sind solide gemacht – aber sie zeigen generische Symbole für eine generische Person.

Deine selbst gemachten Karten haben drei Vorteile:

  • Sie sind individuell. Du kannst genau die Wörter und Bilder nehmen, die in deinem Alltag vorkommen. „Oma anrufen“, „Hund streicheln“, „in die Decke kuscheln“ – das gibt es in keinem Fertigset.
  • Sie sind günstig. Unter 5 € Materialkosten, oft ist sogar das schon im Haushalt.
  • Sie sind sofort verfügbar. Heute Nachmittag gebaut, heute Abend nutzbar. Kein Warten auf Lieferung, keine Therapie-Verschreibung.

Vorlage-Karten zum Drucken

Diese zwölf Karten kannst du direkt ausdrucken oder als Vorlage fürs Nachzeichnen nutzen – alle in Schwarzweiß lesbar.

Emotionen

Emotion: froh
Emotion: traurig
Emotion: wütend
Emotion: überfordert

Bedürfnisse

Bedürfnis: Hunger
Bedürfnis: Durst
Bedürfnis: Pause
Bedürfnis: Ruhe

Alltagshandlungen

Alltagshandlung: anziehen
Alltagshandlung: essen
Alltagshandlung: schlafen
Alltagshandlung: Toilette

Variante A: Sofort-Set in 15 Minuten

Die Variante in der Schritt-für-Schritt-Anleitung oben. Du brauchst nur Karton, Folie und einen Stift. Ergebnis: 8–12 Karten am Klett-Board oder Schlüsselring, sofort einsatzbereit.

Wenn du gerade keinen Drucker hast: Zeichne die Symbole von Hand. Einfache Strichmännchen oder ein roter Punkt für „Stopp“ reichen vollkommen. Wichtig ist die Wiedererkennung, nicht die Optik.

Variante B: Fotokarten für deinen Alltag

Wenn du etwas mehr Zeit hast (ca. 30 Minuten), lohnt sich eine Foto-Version. Du machst mit dem Handy Fotos von echten Gegenständen, Räumen oder Personen aus deinem Leben:

  • Das eigene Bett (für „schlafen“ oder „Rückzug“)
  • Der Kühlschrank (für „Hunger“ oder „Wasser“)
  • Die Lieblings-Tasse (für „Tee bitte“)
  • Das Gesicht der Mutter, Vater, Partnerin (für „ich brauche dich“)

Fotos funktionieren besonders gut bei kleinen Kindern und bei Menschen, die mit abstrakten Piktogrammen weniger anfangen können. Drucke die Fotos auf Etikettenpapier oder klebe sie mit Foto-Klebepunkten auf den Karton. Dann wie in Schritt 4 laminieren.

Variante C: Familien-Box-Set

Wenn das Set für mehrere Personen oder Situationen funktionieren soll, lohnt sich eine Karteikasten-Box (z. B. eine kleine Holzkiste oder ein Karteikasten aus dem Schreibwarengeschäft). Du sortierst die Karten in vier Fächer:

  1. Gefühle – z. B. überreizt, traurig, wütend, ruhig, glücklich
  2. Bedürfnisse – Pause, Wasser, Essen, Stille, Bewegung
  3. Tätigkeiten – schaukeln, lesen, draußen sein, Musik
  4. Antworten – Ja, Nein, später, weiß ich noch nicht

Farbcodierung pro Fach (Marker an den Kartenrand) macht die Suche im Stress schneller. Die Box bleibt zu Hause; ein kleines Teil-Set wandert in die Tasche für unterwegs.

Anpassungen

  • Für kleine Kinder (ab 3 Jahren): Maximal 4 Karten zum Start, große Bilder, einfache Wörter. Fotos statt Symbole.
  • Für sensorische Empfindlichkeit: Karton statt glänzender Folie, gedeckte Farben, keine Glitzer- oder Glanz-Oberflächen. Manche Menschen reagieren empfindlich auf das Geräusch von Folie – dann lieber unlaminiert lassen und häufiger ersetzen.
  • Für unterwegs: Schlüsselring-Set mit 5 Karten in der Hosentasche oder am Rucksack. Reicht für die häufigsten Momente.
  • Mehrsprachig: Wort auf Deutsch und in der Familiensprache auf die gleiche Karte. Bild bleibt gleich.
  • Bei Schreib-Schwierigkeiten: Nur Bilder, keine Wörter. Funktioniert genauso – die Karte zeigen reicht.

In den Alltag einbauen

Die Karten funktionieren am besten, wenn sie nicht nur in Krisen genutzt werden. Wenn dein Kind die „Pause“-Karte schon kennt, weil ihr sie regelmäßig in entspannten Momenten benutzt habt, greift es im Stress schneller danach.

Ein paar Ideen für die ersten Wochen:

  • Zieh als Elternteil oder Partner:in selbst sichtbar eine Karte, wenn du eine brauchst. „Ich nehme jetzt die Stille-Karte für 10 Minuten.“ Vorbild wirkt.
  • Baue feste Mini-Rituale: Vor dem Essen kurz schauen, ob jemand etwas zeigen möchte.
  • Nach einem schwierigen Tag gemeinsam eine Karte aussuchen, die ihr in den nächsten Tagen oft brauchen werdet. Das nimmt den Druck aus dem Akutmoment.

Für Eltern: Ein visueller Tagesplan mit Klett kombiniert sich gut mit Kommunikationskarten – beide Werkzeuge machen Übergänge berechenbarer und entlasten den Wortspeicher in stressigen Momenten.

Was du dir sparen kannst

  • Teure Karten-Apps in der Anfangsphase. Erst mit Papier testen, was wirklich gebraucht wird. Apps lohnen sich, wenn das System steht – nicht davor.
  • Perfektion. Deine ersten Karten dürfen schief, ungelenk und improvisiert sein. Sie werden besser, sobald du weißt, welche Karten du wirklich brauchst.
  • Therapie-Vokabular im Familienalltag. Nenn die Karten einfach „die Karten“ oder gib ihnen einen eigenen Namen. „PECS“ oder „AAC“ macht das Werkzeug fremder, als es sein muss.

Weiterführend

Wenn die Karten einmal funktionieren, lohnt sich der Blick auf weitere Selbstregulations-Werkzeuge. Eine Fokus-Ecke mit Kallax-Regal ergibt einen ruhigen Ort, an dem die Karten ihren festen Platz haben. Und wer das Zeitgefühl unterstützen will, findet in Countdown-Karten selber machen eine DIY-Timer-Idee, die sich gut neben Kommunikationskarten einsetzen lässt.

Bei Bedarf erweiterst du dein Set Schritt für Schritt – die Karten wachsen mit dir oder deinem Kind mit.